Viele gute Gründe für eine Koordinierungsstelle Nachtleben

Nachtleben

Gegenwärtig ist die Ausgehkultur komplett zum Erliegen gekommen. Halle hat damit ein Lebensgefühl eingebüßt, welches für viele Freiheit, Selbstbestimmung und die Entfesselung von Grenzen bedeutet – die Spielstätten für gesellschaftliche Utopien und Persönlichkeitsentfaltung drohen zu verschwinden. Es ist anzuerkennen, dass die Clubkultur einen besonderen Wert für die Lebensqualität für einen nicht unbedeutenden Teil der Stadtgesellschaft hat. Daher ist der unbedingte Kampf um ihren Erhalt – und die positive Zukunftsentwicklung über Corona hinaus – anzugehen.

Nicht nur Großstädte wie New York, London oder Amsterdam, sondern auch Mannheim, Osnabrück oder Heidelberg besitzen bereits einen so genannten Nachtbürgermeister. Leipzig hat jüngst die Einrichtung einer ähnlichen Stelle beschlossen und nennt diese „Club-Bürgermeister“. Auch in Halle sollte es unbedingt solch eine Stelle geben, findet Stadträtin, Szene-Kennerin und vormals regelmäßige Club-Gängerin Dörte Jacobi. „Wir wollen Frau Dr. Marquardt in ihrer Funktion als Beigeordnete für Kultur und Sport keine Kompetenzen absprechen. Sie muss sich allerdings schon jetzt um eine immense Bandbreite an Kulturangeboten kümmern. Das Nachtleben und all das, was es beinhaltet, findet dabei nicht die entsprechende Beachtung. Für ein wieder aufblühendes und zugleich sicheres Nachtleben braucht es die richtige Betreuung. Es braucht jemand mit der Erfahrung und dem Wissen wie die Szene funktioniert. Die Pandemie hat uns das auch noch einmal deutlich gezeigt.“

Folgende Aufgabenschwerpunkte soll die Koordinierungsstelle Nachtleben erfüllen:

  • konzeptionelle Arbeit für ein sichereres Nachtleben
  • Beratung und Standortentwicklung
  • Vernetzung von Club-, Subkultur- und Kreativszene sowie Gastronomie und Veranstaltungsbranche
  • Schnittstellenarbeit zwischen der Nachtkultur, der Stadtverwaltung und dem Stadtrat
  • Koordination von Prozessen, die die Club- und Livemusikspielstätten sowie die Nachtkultur betreffen (Verdrängungs- und Schließungskonflikte, Standortveränderungen, neue Standorte
  • zentrale Ansprechperson für die Akteure*innen der Nachtkultur (insbesondere Clubs und Livemusikspielstätten, nachtkultureller Veranstalter*innen sowie Open-Air-Kollektive)
  • Lotsenfunktion sowie Interessensvermittlung zwischen nachtkulturellen Veranstaltern*innen, Ordnungsbehörden und Stadtverwaltung
 
„Ein respektvolles und freundliches Miteinander im Veranstaltungsbetrieb ist mir besonders wichtig“, ergänzt Jacobi. „Hier stelle ich mir ein Team von Leuten vor, die mit den Feiernden auf Augenhöhe reden, sie beraten und keine Uniform tragen.
 

Es geht um Prävention statt Reaktion. D. h. Feiernde ebenso daran zu erinnern, dass es da Menschen gibt, die gerade schlafen wollen und die Straßen am nächsten Tag genauso sauber vorfinden wollen, wie sie sie verlassen haben.“

Die Stadt Mannheim berichtet, dass auch die Beschwerden der Anwohnenden zurückgegangen sind, seitdem der Nachtbürgermeister im Amt ist. In Amsterdam wurden Fußweg-Leitsysteme geschaffen, die Nachtschwärmende eher durch Büroareale als durch Wohnviertel führen. Awareness-Teams wurden gebildet, die sich unter die Leute mischen und die Augen auf die Lage haben und bei eventuellen Krisen intervenieren. Dadurch wurden sexuelle Übergriffe und Kleinkriminalität um etwa 25% verringert.

Es geht darum einen Raum zu schaffen, in dem kontinuierlich offen über Probleme oder Anliegen gesprochen werden kann. Vielversprechend ist die Konzeption von einer Doppelspitze oder einem Nacht-Rat, besetzt durch städtische Verwaltung und Vertretung der freien Szene. Wichtig dabei ist es, die Nachtkultur mit Club-, Subkultur- und Kreativszene nicht als einzelne Segmente, sondern als Ganzes zu betrachten.

Während der Corona-Krise muss das Hauptaugenmerk darauf liegen, wie Clubs, Gastronomie und Veranstaltungsbranche unterstützt werden können, um durch die Zeit zu kommen. Wir müssen den langen Atem der Kulturschaffenden und die Kreativität im Umgang mit der existenzgefährdenden Situation wertschätzen und die Krise als Chance begreifen, politische Mitsprache für eine Kulturszene zu schaffen, die für Halle weit über die Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft hat. Es muss eine Entdämonisierung der Szene stattfinden. Das Schmuddel-Image mit dem sie in Verbindung gebracht wird, ist veraltet. Besonders Clubs sind Hybridbetriebe zwischen Wirtschaft und Kultur, gelten jedoch rechtlich als Vergnügungsstätten und sind somit gleichgestellt mit Spielotheken oder Bordellen. Folglich gehen Kulturförderprogramme häufig an ihnen vorbei. Im Februar 2020 hat sich auch der Bauausschuss des Bundestages mit der Frage der generellen Würdigung des kulturellen Beitrags der Clubs beschäftig und war sich einig, dass Handlungsbedarf für den Erhalt der deutschen Clubszene besteht.

Stadträtin Jacobi ist überzeugt davon: „Mehr Aufmerksamkeit für die Szene und Kommunikation zwischen den Beteiligten würden das Nachtleben in unserer Stadt merklich verbessern.“

Diese Initiative auf dem Bürgerinfoportal der Stadt Halle (Saale) einsehen